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Die Geschichte von Jürgen und Andrea Maier

Ein ungewöhnliches Geschenk

Jürgen Maier hat seiner Frau Andrea eine Niere gespendet und sie damit vor der Dialyse bewahrt. Seit der Transplantation steht sich das Ehepaar noch näher als zuvor.

Ehepaar Maier nach der Nieren-OP

Ehepaar Maier nach der Nieren-OP

Dass das Gute so nah liegt, damit hatte Andrea Maier nicht gerechnet. Vielmehr hatte sie in Gedanken schon die vielen endlosen Stunden vor Augen gehabt, die sie jede Woche an der Dialysemaschine gehangen hätte. Natürlich hätte sie sich auch gleich auf die Warteliste von Patienten setzen lassen können, die dringend eine Spenderniere benötigen. In Andrea Maiers Zustand gab es bis vor zwei Jahren keine anderen Möglichkeiten mehr.

Andrea Maier hat – wie ihre Mutter und ihre zwei Schwestern auch – eine Zystenniere. Bei dieser meist vererbten und nicht heilbaren Krankheit sind die Nieren irgendwann mit so vielen Blasen voller Flüssigkeit übersät, dass sie nicht mehr länger ihre regulierende Funktion ausüben und die Abfallstoffe aus dem Körper herausfiltern können. Die Folge ist eine schleichende Vergiftung des Körpers. Das Blut von Menschen mit Zystennieren muss deshalb irgendwann maschinell gewaschen werden. Dieser Vorgang heißt Dialyse. Es sei denn, sie bekommen noch rechtzeitig ein passendes Spenderorgan, was bekanntermaßen nicht sehr wahrscheinlich ist: Die Listen von Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, sind lang.

Spende aus freien Stücken
Seit ihrem 19. Lebensjahr wusste Andrea Maier von der chronischen Nierenkrankheit, die dann mit Anfang 40 akut wurde. Zuletzt konnten ihre kranken Nieren gerade noch sechs Prozent der Abfallstoffe herausfiltern – viel zu wenig. Doch noch bevor sie an der Dialyse landete, wurde ihr eine Niere zuteil. Nicht von einem verstorbenen Unbekannten, sondern von ihrem eigenen Ehemann Jürgen. Das Ehepaar hatte diese Möglichkeit zuvor gar nicht in Erwägung gezogen. Erst der Nierenarzt hatte diese Idee ins Spiel gebracht. Jürgen Maier zögerte nicht lange. „Es war ein großes Geschenk“, sagt die 44-Jährige, der niemals eingefallen wäre, ihren Mann um solch eine Spende zu bitten. Aber weil er sich aus völlig freien Stücken zu diesem Schritt entschieden hat, konnte sie das Geschenk dankbar annehmen. „Er hat mich dazu überredet“, sagt Andrea Maier.
Die gemeinsame Operation, bei der Jürgen Maier eine Niere entnommen und in den Körper seiner Frau transplantiert wurde, wurde nach eingehenden, auch psychologischen Untersuchungen Mitte März dieses Jahres durchgeführt. „Ich war ganz ruhig“, erinnert sich Andrea Maier, die als Krankenschwester schon einige Organtransplantationen miterlebt hat. Die Niere ihres Mannes, kaum „angeschlossen“, funktionierte sofort.
Andrea Maier erwachte aus der Narkose und zum ersten Mal seit Jahren war ihr nicht mehr kalt. Wie viele Nierenkranke hatte Andrea Maier zuvor unter einem Dauerfrösteln gelitten. Viel wichtiger aber: Die Ausscheidung funktionierte und der Kreatininwert sank kontinuierlich. Das Stoffwechselprodukt Kreatinin im Urin zeigt an, ob die Nieren ordnungsgemäß funktionieren. „Bislang ist die Operation sehr gut verlaufen“, sagt Andrea Maier.

„Oge“ funktioniertUngewoehnlichesGeschenkAndr
Aber Entwarnung gilt erst, wenn das Organ binnen eines Jahres nicht abgestoßen wird. Zwar ist die Niere ihres Mannes für sie gefühlt kein Fremdkörper, dennoch könnte ihr Immunsystem das Organ mit allen Mitteln loswerden wollen. Um das zu verhindern, muss Andrea Maier ihr Immunsystem lebenslang künstlich schwächen. Dazu nimmt sie momentan 33 verschiedene Tabletten pro Tag ein, morgens und abends um neun Uhr – dafür stellt sie sich extra den Wecker. „Da muss man dran denken, das ist wie mit der Pille“, erklärt Andrea Maier und lacht verhalten. Außerdem trinkt sie drei Liter pro Tag, die sie in genau dieser Menge wieder ausscheiden muss. Auch das ist ein Kriterium dafür, wie gut die Niere ihres Mannes funktioniert, die in der vorderen linken Leiste direkt an die Blase angeschlossen ist. Mit ihren eigenen Nieren hat sie nun insgesamt drei dieser Organe.
Doch die neue gesunde Niere genießt natürlich besondere Aufmerksamkeit. Oft liegen ihre Hände an der Stelle am Bauch, hinter der die Niere arbeitet. Sie ist für das Ehepaar Maier ein bisschen wie ein gemeinsames Kind. Die beiden haben sogar einen Kosenamen für das Organ. Die Niere heißt „Oge“. So hat seine Schwester Jürgen Maier immer genannt, als sie seinen Vornamen noch nicht richtig aussprechen konnte. „Oge“ hat Andrea und Jürgen Maier einander noch nähergebracht. Die Phase vor und nach der Operation war für sie beide eine „intensive gemeinsame Zeit“.
Zwei Monate nach der Organtransplantation hat Jürgen Maier wieder angefangen zu arbeiten. Er ist Fernfahrer und sehr viel unterwegs. Seine Frau genießt die freie Zeit daheim. Den Kontakt zu anderen Menschen soll sie nach Möglichkeit meiden, um sich nicht mit irgendeinem Infekt anzustecken. Denn das kann zum jetzigen Zeitpunkt gefährlich werden. Sie geht viel spazieren in ihrer Heimatstadt Aalen und strickt für ihr kleines Patenkind. Sobald es geht, will Andrea Maier wieder als Krankenschwester arbeiten – auch wenn es in ihrem Beruf mit einem in seiner Funktion verminderten Immunsystem mitunter schwierig werden könnte. „Aber es gibt immer Möglichkeiten“, ist Andrea Maier überzeugt. Ihre Krankheitsgeschichte ist das beste Beispiel dafür.

Schreiben Sie uns an info@nierenstiftung.de oder nehmen Sie mit uns Kontakt auf.  Wir freuen uns auf Ihre Geschichte!


Quelle: Holz, Elisa: „Ein ungewöhnliches Geschenk“. SBK Leben Magazin (2012). Heft 3; S. 30-31

 

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